Startseite  - Kontakt  - Impressum
 
 
 
Startseite
 

Tanz mit dem Tod

Grelle Lichter zucken rythmisch im Takt der Musik, malen für Sekundenbruchteile bizzare Muster in die künstliche, düstere, rauchgeschwängerte Nacht. Hart hämmern Bässe und Trommeln aus den überdimensionierten, allegegenwärtigen Boxen, machen das Denken langsam, das Atmen schwer, zwingen die Glieder, ihrem Rythmus zu folgen.

Menschenmassen lassen sich willig leiten. Ein neuer Song, ein neuer Beat, und schon bewegen sich aberzählige Tanzende in einem neuen Rythmus. Mal schneller, mal langsamer, dann wieder schneller, immer schneller...

Es ist Nacht. Nacht in der Stadt. Eine jener Nächte, in denen die, die das Vergessen suchen, es finden können. Hier, im Tempel der modernen Götter, im tranceartigen Tanz nach harter, schriller, lauter, elektronischer Musik.

Die Götzendiener der Moderne bewegen sich schlangengleich durch die Suchenden. Manche bieten ihnen Flüssiges, bisweilen Hochprozentiges zur Stärkung dar, manche jedoch auch unscheinbares, kleines, Erquickung für den Körper, den Geist, so sagen sie zumindest, Mittelchen, die die Suchenden noch suchender, die Tanzenden noch tanzender, die Unruhigen noch unruhiger machen.

Mitten in diesen aberzähligen Suchenden, Tanzenden, in der Bewegung zur Musik Vergessen findenden war sie nur ein winziger Stern. Jung, schön, unsagbar schön, und doch allein, einsam, verlassen. Suchend, suchend nach dem großen Glück, hoffend auf das kleine Glück, wartend auf einen Moment, einen winzigen kostbaren Moment, in dem jemand das Eis in ihrem Inneren überwand, in dem jemand ihr Herz berührte. Doch das Leben schien sie um ihre Hoffnungen zu betrügen, sie kannte nur Schmerz, Tränen, Haß und Zorn, Nähe, Wärme, Liebe waren ihr fremd geblieben. Und so suchte sie das Nichtdenken, das Nichtfühlen, das Vergessen im Rythmus der Musik, im hämmernden, schlagenden, schmerzenden Beat der modernen Tempelgesänge, in den Hallen der modernen Götter.

Wieder kam einer der Götzendiener an ihr vorbei, wieder steckte sie ihm ein paar Münzen zu, wieder bekam sie eine jener kleinen Pillen, die den Körper stark und wach, den Geist still und das Herz unverwundbar machten. Weiter, nur immer weiter sollte der Tanz gehen, weiter, immer weiter wollte sie in das Nichtdenken, das Nichtfühlen, das süße Vergessen hinabtauchen, nur weg, fort aus dieser Welt, dieser Welt, die für sie nichts mehr bereitzuhalten schien.

Mitten in der Menge ein Gesicht. Der Abend, die Nacht hatte ihre Sinne getrübt, sie war kaum in der Lage, ihre Augen auf dieses Antlitz zu richten, das immer wieder in ihrem Umfeld auftauchte. Doch auf irgendeine magische Weise zog es den letzten Rest an Aufmerksamkeit, den sie aufzubringen im Stande war, auf sich, immer und immer wieder.

Sein Blick traf sie in ihrem Innern. Sie wußte, sie mußte zu ihm kommen, koste es, was es wolle. Sie durfte diesen Blick, dieses Gesicht, diese Verheißung auf ein wenig flüchtige und doch intensive Begegnung, auf ein wenig Nähe nicht so einfach vergehen, verschwinden lassen. Fast von selbst setzte sich ihr Körper in Bewegung, kaum kontrolliert von einem vernebelten Geist.

Noch eine, sie braucht noch eine, denkt sie sich, und versucht noch einmal, dem Götzendiener ein paar Münzen zuzustecken, um noch eine der stärkenden kleinen Wunderkugeln zu bekommen. Sie würde sie stark machen, sie würde ihr die Kraft geben, die wenigen Meter zu ihm zurückzulegen. Sein Gesicht stand immer noch in der Menge, und schien sich nicht zu bewegen. Überirdisch schien sein Blick zu leuchten, und sie immer mehr zu sich zu rufen.

Nähe. Nie gekannte Nähe. Schon neben ihm zu stehen, vor ihm zu tanzen machte ihr das Atmen schwer. Ihr Herz schien vor Sehnsucht, vor nie gekannter Sehnsucht zu verbrennen. Nie empfundene, nie zu erträumen gewagte Gefühle stiegen in ihrem Inneren hoch, betäubten den Geist, schalteten das Denken vollends aus. Mit ihren Blicken flehte sie ihn an, jenen letzten Schritt zu tun, den zu gehen sie nie gewagt hätte.

Nur Augenblicke später fand sie sich in seiner Umarmung wieder. Ein warmes Gefühl, ein Feuer, Nähe, unsagbare Nähe und Geborgenheit löschten ihre Ängste aus, machten ihr Herz leicht und frei.

Die Rythmen der Nacht tobten immer noch um sie, grelle Lichter durchzuckten in unregelmäßigen Abständen das künstliche Dunkel, in dem sie sich bewegten. Doch ihre Herzen schlugen nun in einem anderen Takt, ihr gemeinsamer Tanz folgte einer anderen, einer überirdischen Musik.

Sie schienen zu schweben, der Welt zu entfliehen. Sie nahm nichts mehr wahr, sie war entrückt, sie fühlte nur noch dieses alles verzehrende Feuer, diese unsagbar nahe Nähe, die nun endlich, endlich ihr Innerstes erwärmte und ihr Herz berührte.

Für immer.

Trauriges Ende einer Samstagnacht“ titelten die Zeitungen am nächsten Morgen. „Siebzehnjährgie stirbt an einer Überdosis Drogen.“

 

(c) by Doris Gutsmiedl 2006