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Sinuskurven

Der Commander starrte aus dem Fenster.

Doch er sah nicht den Sternenhimmel, der sich vor seinen Augen ausbreitete wie ein schwarzes Stück Samt, auf das jemand abertausende von leuchtenden Diamanten ausgestreut hatte.

Nein, er blickte auf einen jungen Burschen, so jung, wie er damals gewesen war, der in einem Unterrichtsraum vor einer riesigen, grünen Tafel stand und seinem Ausbilder Rede und Antwort stehen mußte.

"...Das Rauschen der Sterne, wie man im interstellaren Funkverkehr die durch kosmische Hintergrundstahlung verursachten Geräusche zu nennen pflegt, zeigen sich auf den Monitoren der Funkgeräte üblicherweise als Sinuskurven..." hörte er seinen Kameraden sagen.

Damals war es nur ein einfacher Satz gewesen, dahingesagt innerhalb eines Verhörs, das über "bestanden" oder "nicht bestanden" entschied.

Doch erst heute begriff der Commander, was diese Sinuskurven bedeuteten.

Sie standen für das Ende.

Nein, nicht für den Schluß einer kleinen Episode innerhalb eines Lebens, sondern für das absolute Ende.


 

Das Ende der Menschheit.


 

Eigentlich war es gar nicht so lange her, da hatte der eurasische Kontinent dem Amerikanischen den Krieg erklärt.

Oder war es umgekehrt gewesen?

Im Prinzip ist das egal, dachte der Commander, und hing weiter seinen Gedanken nach.

Das Ergebnis würde immer das Gleiche bleiben.

Es hatte auch nicht lange gedauert, bis die ersten Bomben fielen und die ersten Städte zerstört wurden.

Doch keine der beiden Seiten hatte die Oberhand gewonnen.

Also entschloß man sich, den Krieg auszuweiten.

Bald schon kämpften die gegnerischen Parteien zu Lande, zu Wasser und in der Luft.

Und im All.


 

Er hatte mit seinem Schiff so manche Schlacht gewonnen und sich immer eingeredet, er stünde auf der richtigen Seite.

Er sagte sich immer und immer wieder, daß das, was er tat, zum Wohle der Menschheit geschah.

Und er ignorierte, was er von seinem Orbit aus sehen konnte.

Die Erde wurde langsam, aber sicher zerstört. Und mit ihrem Planeten zerstörte sich die Menschheit selbst.

Doch das wurde dem Commander erst klar, als das Funkgerät hartnäckig schwieg.


 

Er hatte wieder einmal eine Schlacht gewonnen, wieder einmal andere Menschen getötet, die in einem Schiff der falschen, der anderen Seite gesessen waren.

Doch dann hatte er keine Antwort bekommen, als er der Zentrale seinen Sieg melden wollte.

Daraufhin hatte er nach und nach alle Frequenzen seines Funkgeräts durchprobiert - immer mit dem selben Ergebnis: Keiner meldete sich.

Und der Monitor zeigte nur Sinuskurven.

Das Rauschen der Sterne.

Sinuskurven.


 

Der Commander wußte nicht, wie lange er dort gesessen und zum Fenster hinausgeblickt hatte, ohne wirklich etwas zu sehen, doch erst ein seltsames Geräusch zu seiner Rechten, etwas, das wie ein unterdrücktes Schluchzen klang, riß ihn aus seinen Gedanken.

Es fiel ihm wieder ein, daß er nicht alleine hier war.


 

Der Leutnant war ihm erst vor wenigen Tagen zugeteilt worden.

Im Gegensatz zu seinen Kollegen hatte er sich nicht im mindesten daran gestört, daß der Leutnant eine Frau war.

Solange er sich auf sie verlassen konnte, sie seine Befehle ohne zu zögern ausführte, war ihm das völlig egal gewesen.

Der Leutnant hatte zu funktionieren wie all die Geräte in dem engen Cockpit, der Mensch neben ihm hatte ihn nie interessiert.


 

Bis jetzt jedenfalls nicht.

Er wandte sich zur Seite und sah das Profil einer jungen Frau.

Seltsam, mit ist nie aufgefallen, wie hübsch sie ist, dachte er.

Doch er konnte nichts sagen.

Seine Kehle war wie zugeschnürt.

Seltsam. Dabei hatte er sonst nie geweint, egal, was passierte.

"Das ist nicht fair." Murmelte sie. "Das ist einfach nicht fair! Sie haben so ein Ende nicht verdient. Bob, Mick, Clair und all ihre Leute...."

Den Rest verstand er nicht mehr. Und es war wohl auch nicht für fremde Ohren bestimmt.


 

Er hatte sie auch gekannt, die leitenden Techniker ihres Stützpunktes, den immer gut gelaunten Bob, Clair, die mit den Piloten schimpfte wie mit unartigen Kindern, wenn ihre Schiffe zu arg verbeult waren und Mick, den Chef des Kontrollzentrums, dem es nie die Sprache verschlagen hatte. Bis jetzt.

Jetzt antwortete niemand mehr von ihnen.


 

Und dem Commander fiel auf einmal auf, daß er um niemanden trauerte.

Ihm tat es leid um sein Haus, sein Auto, all das, was er besessen hatte. Doch er trauerte nicht darum.

Und er dachte nicht einmal an einen Menschen, der ihm etwas bedeutet hatte.

Hatte es so jemanden überhaupt gegeben?


 

Der Commander blickte wieder aus dem Fenster.

Und diesmal registrierte sein Hirn, was seine Augen sahen.

Die ehemals blaugrüne Erde war nichts weiter als eine in gespenstischen Rot- und Grautönen leuchtende Kugel. Man sah keine Wolken mehr, keinen Ozean, und kein Festland.

Kein Zweifel, es konnte niemand überlebt haben.

Es gab keine Menschen mehr.


 

Oder doch?


 

Wieder drangen Geräusche in das Bewußtsein des Commanders ein, wieder von seinem Leutnant, doch diesmal war es ein leises Rascheln.

Er blickte auf und glaubte zuerst nicht, was er sah.

Sie hatte die großen Übersichtskarten auf dem Pult vor sich ausgebreitet, die Karten, die sie für gewöhnlich dazu benutzen, vermißte und abgestürzte Schiffe aus der Luft zu suchen.


 

"Was soll das denn?" fragte er in seinem strengen Kommandoton.

Sie antwortete, ohne von ihrer Arbeit aufzublicken.

"Ich versuche herauszufinden, wo wir am ehesten mit Überlebenden rechnen können."

Der Commander schüttelte den Kopf.

Er konnte es nicht fassen.

Da zeigte das Funkgerät auf allen Frequenzen nur Sinuskurven an, keiner antwortete auf ihre Funksprüche, und sie suchte nach Überlebenden.

Es hatte keiner überlebt!

Sonst würde jemand antworten.

Oder?


 

Der Commander wollte Gerade versuchen, sie von der Sinnlosigkeit ihres Tuns zu überzeugen, als sein Blick auf die Sauerstoffanzeige fiel.

Auch das noch. Der Tank war fast leer. Sie hatten noch Luft für maximal siebzig Stunden.

Andererseits, was machte das jetzt noch aus?

Schlimmer konnte es ohnehin nicht mehr kommen.


 

Ein leiser Aufschrei zu seiner Rechten ließ ihn aufhorchen.

"Was ist?"

"Ich habe die Anzeige mehrmals überprüft." Sagte sie und ihre stimme klang anders als sonst, nicht so kühl und sachlich, wie er es gewohnt war, "Es gibt noch Landstriche, die nicht verseucht wurden. Es gibt noch Gegenden, in denen Leben möglich ist."

Aufregung, ja das war es. Ihre Stimme klang aufgeregt.

Und der Commander fühlte sich von einer Hoffnung ergriffen, die er seit Jahren nicht mehr verspürt hatte.

Hatten sie doch noch eine Chance?


 

Sinuskurven.

Der Funk zeigte nichts als Sinuskurven.

Das bedeutete, daß kein Sender mehr arbeitete.

Doch irgendwo in der Wildnis, außerhalb der Stadt, konnte es noch andere Überlebende geben.

Sie mußten sie nur finden.

Und wenn es doch niemanden mehr gab, fragte er sich zu hundertsten Mal.

Nun, dann waren sie immerhin noch zu zweit.

Und irgendwie würde es schon weitergehen.


 

Er betrachtete wieder die Sinuskurven, die immer noch über den Monitor wanderten.

Das Leben gleicht einer Sinuskurve, dachte er.

Momentan befanden sie sich in einem Tal, ganz unten. Doch es würde wieder bergauf gehen.

Das Leben kannte Höhen und Tiefen.

Wie eine Sinuskurve.


 

Und mit diesem Gedanken schaltete er den Monitor ab und konzentrierte sich auf die Zukunft.

 

(c) by Doris Gutsmiedl, 2002