Doris Gutsmiedl-Schümann

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Doris Gutsmiedl-Schümann

Kurzgeschichten

Zu meinen Freizeitbeschäftigungen zählt seit Jahren das Schreiben von Kurzgeschichten. Mein Hauptinteresse gilt dabei der Science Fiction oder technisch-utopische Literatur. Ab und zu versuche ich mich aber auch an anderen Themen.

Hier einige Beispiele:


Videos

Seit einiger Zeit erstelle ich auch gerne Videos - insbesondere, wenn ich unterwegs bin. Einige Beispiele finden sich hier auf YouTube



Der Bauer und der Nußbaum

„Heute werde ich unseren Nußbaum fällen.“ sagte der Bauer zu seiner Frau. „Aus seinem Stamm kann man viele schöne Bretter machen, und die kann ich dann für teueres Geld verkaufen. Nußbaumholz ist knapp in dieser Zeit.“

Die Frau nickte nur. Sie sprach nicht viel. Der Bauer ging in die Scheune und begann dort, die Schneide seiner Axt zu schärfen.

Der Nußbaum stand in der Mitte des Hofes und hatte alles gehört. Er hatte Angst. Er zitterte so sehr, daß seine fast reifen Nüsse leise aneinanderklapperten und sich fast wie fernes Hufgetrappel anhörten.

Auch das Nest der Meise, die sich in dem großen, stattlichen Baum niedergelassen hatte, erbebte.

„Pieps!“ schimpfte der Vogel. „Hör’ auf zu zittern. Du machst mein schönes Nest kaputt!“

„Hilf’ mir, kleine Meise,“ bat sie der Nußbaum, „Hilf’ mir. Ich will nicht sterben.“

„Du mußt den Bauern überzeugen,“ meinte die Meise. „Dann läßt er dich bestimmt stehen.“

Der Baum schöpfte wieder neuen Mut. Wenn es ihm gelang, den Bauern zu überzeugen, würde er weiterleben. Er mußte ihn einfach überzeugen!

Da trat der Bauer aus der Scheune und ging auf den Baum zu.

„Ich werde dich jetzt fällen.“ sagte er und hob die Axt.

„Fäll’ mich nicht! Wer spendet Dir und Deinem Haus dann Schatten, wenn im Sommer die Sonne vom Himmel brennt?“ erwiderte der Baum.

„Ich kann einen Sonnenschirm aufstellen.“ meinte der Bauer.

„Fäll’ mich nicht! Wer gibt Dir dann die vielen guten Nüsse, die Deine Kinder und Deine Frau zur Weihnachtszeit so gerne essen?“ erwiderte der Baum.

„Nüsse kann man kaufen.“ meinte der Bauer.

„Wenn Du mich fällst, kann ich im Frühjahr nicht mehr blühen und eine Zierde für Deinen Hof sein.“ erwiderte der Baum.

„Ich kann Blumen pflanzen.“ meinte der Bauer.

„Wenn Du mich fällst, können keine Vögel mehr auf Deinem Hof nisten.“ erwiderte der Baum.

„Ich werde Nistkästen aufstellen.“ meinte der Bauer.

„Wenn Du mich fällst, bist Du nicht mehr der größte Bauer am Ort.“ sagte der Baum.

„Warum?“ fragte der Bauer.

Wenn Du mich fällst, hast Du zwar noch die meisten Kühe, Ziegen und Schafe, die schnellsten Pferde, die dicksten Schweine, die rosigsten Ferkel, den größten Obstgarten, die schönsten Felder, die saftigsten Weiden und den dunkelsten Wald, aber wenn ich erst gefällt bin, gibt es Bauern mit schöneren Nußbäumen auf dem Hof, und dann bist Du nicht mehr der Größte Bauer am Ort.“

Da ließ der Bauer die Axt sinken.

„Du hast recht.“ sagte er zu dem Baum. „Ich lasse dich stehen.“

Damit drehte sich der Bauer um und verschwand im Haus.

Der Nußbaum atmete auf.

© by Doris Gutsmiedl, 1999


Aus den Briefen eines Marsmännchens

Sei mir gegrüßt, liebste Eteija!

Heute ist es auf den Tag ein Jahr her, daß ich mit meinem defekten Flugo auf der Erde notlanden mußte. Wie ich Dir in meinem letzten Brief bereits mitteilte, spreche ich nun schon seit einiger Zeit perfekt die irdische Sprache.

Vor einigen Tagen wagte ich mich nun aus meinem bisherigen Versteck hervor und ging zu einer großen Gebäudeansammlung, von den Erdlingen “Stadt” genannt. Dort gab ich mit mühe, möglichst irdisch zu erscheinen, und schritt in flottem Tempo, den Blick stur geradeaus gerichtet, durch das Menschengewühl. Sollte Dich mein Verhalten wundern, liebste Eteija, so muß ich Dir sagen: Hier machen das alle so. Nach einiger Zeit kam ich an eine Fahrbahn. Dort stand eine metallene Laterne, auf der entweder ein rotes, stehendes, oder ein grünes, laufendes Männchen leuchtet. Eigentlich ist es nur dann, wenn das grüne Männchen aufleuchtet, gestattet, die Fahrbahn, die übrigens “Straße” heißt, zu überqueren, aber die meisten Erdlinge gehen auch dann weiter, wenn das rote Männchen aufleuchtet. Ich weiß nicht, warum, aber sie lassen sich wohl gerne überfahren.

Einen ähnlichen selbstzerstörerischen Drang konnte ich bei anderer Gelegenheit beobachten. Dazu, liebe Eteija, mußt Du aber folgendes wissen: Die Erdlinge bewegen sich mit vierrädrigen Karren, den “Autos”, auf der Straße fort. In diesen Karren gibt es meistens vier Sitze. Die Insassen des Autos fesseln sich mit breiten Bändern an diese Sitze, um bei Unfällen vor Verletzungen geschützt zu sein. Wenn sie mit ihren Karren dann auf der Straße fahren, nehmen die wenigsten Rücksicht auf andere. Weißt du, Eteija, das sind hier diejenigen, denen bei uns sofort der Flugoschein wegen unhöflichen Verhaltens entzogen wird. Nun, ich fuhr also mit einem “Taxi”, das ist ein Auto mit Lenkmensch, der andere Personen gegen Bezahlung durch die Gegend fährt, und spürte diese Rücksichtslosigkeit nun am eigenen Leib. Bei jedem Überholmanöver beschleunigte mein Lenkmensch derart, daß ich glaubte, wir würden gleich abheben und fliegen, und oft mußte ein entgegenkommendes Auto stark abbremsen, um nicht mit und frontal zusammenzustoßen. Furchtbar, nicht?

Doch das ist noch nicht alles. Wir fuhren dann noch an einer Unfallstelle vorbei. Ein anderer Wagen war zu schnell gefahren und war in einer vereisten Kurve ins Schleudern geraten, sagte zumindest mein Lenkmensch. Ich glaube, das ist, als ob man mit einem Flugo in ein Luftloch fällt und es nicht mehr steuern kann. Ich wollte anhalten und helfen, aber das Taxi fuhr weiter. Es gibt genug Dumme, die dem Unfallauto helfen, sagte mein Lenkmensch. Tja, liebste Eteija, hier scheinen alle nur an sich zu denken. Traurig, findest du nicht auch?

Im “Straßenverkehr”, so nennt man hier viele fahrende Autos, gelten zwar bestimmte Regeln, aber meistens wird der ausgelacht, der alle Regeln befolgt. Besonders extrem ist das bei den Geschwindigkeitsbegrenzungen. Wenn irgendwo auf einem Schild steht, es ist erlaubt, “80” zu fahren, fahren die meisten “100” oder mehr. Die Erdlinge, die diese Schilder erbst nehmen, werden oft beschimpft und verspottet, obwohl sie größere Chancen haben, gesund an ihr Ziel zu gelangen.

Nun, liebste Eteija, ich muß mich für heute von Dir verabschieden. Ich hoffe inständig, daß ich bald die passenden Ersatzteile für mein Flugo bekomme. Ich weiß nicht, zum wievielten Male ich Dir das nun verspreche, liebe Eteija, aber sobald es irgendwie möglich ist, komme ich wieder auf unseren schönen Mars zurück.

In der Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen

Dein Eritreijo

© by Doris Gutsmiedl, 1996

Die Kurzgeschichte “Aus den Briefen eines Marsmännchens” erreichte in einem Autorenwettbewerb des Bundesverkehrsministeriums im Jahre 1996 den ersten Platz.


Sinuskurven

Der Commander starrte aus dem Fenster.

Doch er sah nicht den Sternenhimmel, der sich vor seinen Augen ausbreitete wie ein schwarzes Stück Samt, auf das jemand abertausende von leuchtenden Diamanten ausgestreut hatte.

Nein, er blickte auf einen jungen Burschen, so jung, wie er damals gewesen war, der in einem Unterrichtsraum vor einer riesigen, grünen Tafel stand und seinem Ausbilder Rede und Antwort stehen mußte.

”…Das Rauschen der Sterne, wie man im interstellaren Funkverkehr die durch kosmische Hintergrundstahlung verursachten Geräusche zu nennen pflegt, zeigen sich auf den Monitoren der Funkgeräte üblicherweise als Sinuskurven…” hörte er seinen Kameraden sagen.

Damals war es nur ein einfacher Satz gewesen, dahingesagt innerhalb eines Verhörs, das über “bestanden” oder “nicht bestanden” entschied.

Doch erst heute begriff der Commander, was diese Sinuskurven bedeuteten.

Sie standen für das Ende.

Nein, nicht für den Schluß einer kleinen Episode innerhalb eines Lebens, sondern für das absolute Ende.

Das Ende der Menschheit.

Eigentlich war es gar nicht so lange her, da hatte der eurasische Kontinent dem Amerikanischen den Krieg erklärt.

Oder war es umgekehrt gewesen?

Im Prinzip ist das egal, dachte der Commander, und hing weiter seinen Gedanken nach.

Das Ergebnis würde immer das Gleiche bleiben.

Es hatte auch nicht lange gedauert, bis die ersten Bomben fielen und die ersten Städte zerstört wurden.

Doch keine der beiden Seiten hatte die Oberhand gewonnen.

Also entschloß man sich, den Krieg auszuweiten.

Bald schon kämpften die gegnerischen Parteien zu Lande, zu Wasser und in der Luft.

Und im All.

Er hatte mit seinem Schiff so manche Schlacht gewonnen und sich immer eingeredet, er stünde auf der richtigen Seite.

Er sagte sich immer und immer wieder, daß das, was er tat, zum Wohle der Menschheit geschah.

Und er ignorierte, was er von seinem Orbit aus sehen konnte.

Die Erde wurde langsam, aber sicher zerstört. Und mit ihrem Planeten zerstörte sich die Menschheit selbst.

Doch das wurde dem Commander erst klar, als das Funkgerät hartnäckig schwieg.

Er hatte wieder einmal eine Schlacht gewonnen, wieder einmal andere Menschen getötet, die in einem Schiff der falschen, der anderen Seite gesessen waren.

Doch dann hatte er keine Antwort bekommen, als er der Zentrale seinen Sieg melden wollte.

Daraufhin hatte er nach und nach alle Frequenzen seines Funkgeräts durchprobiert - immer mit dem selben Ergebnis: Keiner meldete sich.

Und der Monitor zeigte nur Sinuskurven.

Das Rauschen der Sterne.

Sinuskurven.

Der Commander wußte nicht, wie lange er dort gesessen und zum Fenster hinausgeblickt hatte, ohne wirklich etwas zu sehen, doch erst ein seltsames Geräusch zu seiner Rechten, etwas, das wie ein unterdrücktes Schluchzen klang, riß ihn aus seinen Gedanken.

Es fiel ihm wieder ein, daß er nicht alleine hier war.

Der Leutnant war ihm erst vor wenigen Tagen zugeteilt worden.

Im Gegensatz zu seinen Kollegen hatte er sich nicht im mindesten daran gestört, daß der Leutnant eine Frau war.

Solange er sich auf sie verlassen konnte, sie seine Befehle ohne zu zögern ausführte, war ihm das völlig egal gewesen.

Der Leutnant hatte zu funktionieren wie all die Geräte in dem engen Cockpit, der Mensch neben ihm hatte ihn nie interessiert.

Bis jetzt jedenfalls nicht.

Er wandte sich zur Seite und sah das Profil einer jungen Frau.

Seltsam, mit ist nie aufgefallen, wie hübsch sie ist, dachte er.

Doch er konnte nichts sagen.

Seine Kehle war wie zugeschnürt.

Seltsam. Dabei hatte er sonst nie geweint, egal, was passierte.

“Das ist nicht fair.” murmelte sie. “Das ist einfach nicht fair! Sie haben so ein Ende nicht verdient. Bob, Mick, Clair und all ihre Leute….”

Den Rest verstand er nicht mehr. Und es war wohl auch nicht für fremde Ohren bestimmt.

Er hatte sie auch gekannt, die leitenden Techniker ihres Stützpunktes, den immer gut gelaunten Bob, Clair, die mit den Piloten schimpfte wie mit unartigen Kindern, wenn ihre Schiffe zu arg verbeult waren und Mick, den Chef des Kontrollzentrums, dem es nie die Sprache verschlagen hatte. Bis jetzt.

Jetzt antwortete niemand mehr von ihnen.

Und dem Commander fiel auf einmal auf, daß er um niemanden trauerte.

Ihm tat es leid um sein Haus, sein Auto, all das, was er besessen hatte. Doch er trauerte nicht darum.

Und er dachte nicht einmal an einen Menschen, der ihm etwas bedeutet hatte.

Hatte es so jemanden überhaupt gegeben?

Der Commander blickte wieder aus dem Fenster.

Und diesmal registrierte sein Hirn, was seine Augen sahen.

Die ehemals blaugrüne Erde war nichts weiter als eine in gespenstischen Rot- und Grautönen leuchtende Kugel. Man sah keine Wolken mehr, keinen Ozean, und kein Festland.

Kein Zweifel, es konnte niemand überlebt haben.

Es gab keine Menschen mehr.

Oder doch?

Wieder drangen Geräusche in das Bewußtsein des Commanders ein, wieder von seinem Leutnant, doch diesmal war es ein leises Rascheln.

Er blickte auf und glaubte zuerst nicht, was er sah.

Sie hatte die großen Übersichtskarten auf dem Pult vor sich ausgebreitet, die Karten, die sie für gewöhnlich dazu benutzen, vermißte und abgestürzte Schiffe aus der Luft zu suchen.

“Was soll das denn?” fragte er in seinem strengen Kommandoton.

Sie antwortete, ohne von ihrer Arbeit aufzublicken.

“Ich versuche herauszufinden, wo wir am ehesten mit Überlebenden rechnen können.”

Der Commander schüttelte den Kopf.

Er konnte es nicht fassen.

Da zeigte das Funkgerät auf allen Frequenzen nur Sinuskurven an, keiner antwortete auf ihre Funksprüche, und sie suchte nach Überlebenden.

Es hatte keiner überlebt!

Sonst würde jemand antworten.

Oder?

Der Commander wollte gerade versuchen, sie von der Sinnlosigkeit ihres Tuns zu überzeugen, als sein Blick auf die Sauerstoffanzeige fiel.

Auch das noch. Der Tank war fast leer. Sie hatten noch Luft für maximal siebzig Stunden.

Andererseits, was machte das jetzt noch aus?

Schlimmer konnte es ohnehin nicht mehr kommen.

Ein leiser Aufschrei zu seiner Rechten ließ ihn aufhorchen.

“Was ist?”

“Ich habe die Anzeige mehrmals überprüft.” Sagte sie und ihre stimme klang anders als sonst, nicht so kühl und sachlich, wie er es gewohnt war, “Es gibt noch Landstriche, die nicht verseucht wurden. Es gibt noch Gegenden, in denen Leben möglich ist.”

Aufregung, ja das war es. Ihre Stimme klang aufgeregt.

Und der Commander fühlte sich von einer Hoffnung ergriffen, die er seit Jahren nicht mehr verspürt hatte.

Hatten sie doch noch eine Chance?

Sinuskurven.

Der Funk zeigte nichts als Sinuskurven.

Das bedeutete, daß kein Sender mehr arbeitete.

Doch irgendwo in der Wildnis, außerhalb der Stadt, konnte es noch andere Überlebende geben.

Sie mußten sie nur finden.

Und wenn es doch niemanden mehr gab, fragte er sich zu hundertsten Mal.

Nun, dann waren sie immerhin noch zu zweit.

Und irgendwie würde es schon weitergehen.

Er betrachtete wieder die Sinuskurven, die immer noch über den Monitor wanderten.

Das Leben gleicht einer Sinuskurve, dachte er.

Momentan befanden sie sich in einem Tal, ganz unten. Doch es würde wieder bergauf gehen.

Das Leben kannte Höhen und Tiefen.

Wie eine Sinuskurve.

Und mit diesem Gedanken schaltete er den Monitor ab und konzentrierte sich auf die Zukunft.

© by Doris Gutsmiedl, 2002


Der fliegende Teppich

Ruhig und majestätisch glitt der fliegende Teppich dahin. Ein leises Rauschen begleitete seine Fahrt durch die nächtliche Landschaft.

Ihr Blick wanderte zu dem Magier, der den golddurchwirkten Teppich lenkte. Eigentlich sah er gar nicht aus wie ein Magier, mit seinen aschblonden, wirren Haaren und seinen kräftigen, schwieligen Händen. Überhaupt, seine Hände. Das waren eher die Pranken eines Bauern, eines Waldarbeiters, denn die Hände eines Schriftgelehrten.

Es war erst wenige Stunden her, daß sie ihn getroffen hatte. Ihre Reise hatte sie auf den großen Makt geführt. Tausend Düfte strömten durch die schmalen Gassen des Suqs, und ihre Augen konnten sich nicht sattsehen an all dem Gold und Silber, den feinen Stoffen und den exotischen Gewürzen, die sich in den kleinen Ständen tummelten und den Vorüberschlendernden zuzurufen schienen „kauf mich!“. So hatten sie ihre Schritte immer tiefer in den Markt hineingeführt, bis sie schließlich vor dem kleinen, unscheinbaren Geschäft des Teppichhändlers stand.

Dort hatte sie ihn getroffen. Er stand einfach da, vor den Auslagen des Teppichhändlers, und betrachtete die bunt gemusterten, handgewebten Teppiche aus respektvoller Entfernung. Seine Kleidung, seine Figur, überhaupt sein ganzes Auftreten, ließen die Vorübereilenden auf das einfältige Gemüt eines Bauern schließen, den seine Geschäfte in die große Stadt und auf den Martk geführt hatten, der aber weder Verständnis für das Schöne zu haben schien, noch genügend Taler, um sich einen kleinen Teil an dem dargebotenen Luxus zu sichern.

Sie wußte nicht mehr, was sie an diesem Mann so faszinierte. Sie wußte auch nicht mehr, warum die stehenblieb und seinem Blick in die Auslagen des Teppichhändlers folgte. Sein Blick hing auf einem besonders schönen Exemplar. Geknüpft aus roter Seide, durchwirkt mit feinen Goldfäden, die fremde Zeichen und magische Symbole zu bilden schienen.

Endlich, nach einer kleinen Ewigkeit, wurde der Teppichhändler auf das ungleiche Paar aufmerksam. Er machte Anstalten, sich zu nähern, und den Bauern zu verscheuchen, als dieser mit schnellen Schritten auf den Händler zuging, ihm eine Hand auf die Schulter legte und leise auf ihn einsprach. Der Händler war verblüfft, hätte er doch in dem unscheinbaren Mann niemals einen Kunden gesehen. Ein Beutel voll Taler wanderte von einer Hand in eine andere, und der magische Teppich hatte einen neuen Besitzer.

Jetzt, da der Magier seinen Besitz aus dem Gros der Teppiche herausholte und ihn sorgfältig zusammenrollte, konnte sie einen kurzen Blick auf die vielen Muster und Zeichen, die sich über den scharlachroten Teppich verteilten, erhaschen. Eine seltsame Anziehung ging von diesem Stück aus, eine Anziehung, der sie sich nicht zu entziehen vermochte. Wie von unsichtbaren Fäden gezogen, folgte die dem Magier und seinem Teppich in respektvollem Abstand.

Sein Weg führte ihn aus den engen Gassen des Marktes hinaus in auf freies Feld. Unter einem sternenübersähten Himmel wanderte er über Felder und durch Palmenhaine, über sandige Dünen und steiniges Geröll hin zu einer Ruine, deren dunkle Mauern sich kalt und furchterregend über die sanft gewölbte Landschaft erhoben. Dort, in den alten Mauern, hielt er inne, und breitete seinen Teppich aus. Er setzte sich erfurchtsvoll darauf, und begann, leise Worte an seine Umgebung zu richten.

Nicht lange, und der Teppich erwachte. Sie traute ihren Augen nicht, als der Teppich begann, eine Handbreit über dem Boden zu schweben, als hätte er niemals etwas anderes getan. Ein feines Sirren lag in der Luft, schwoll zu einem Rauschen an, um dann wieder zu einen hohen, glockenhellen Ton abzuklingen. Der Teppich stand nun kniehoch in der Luft, bereit, den Befehlen des Magiers zu gehorchen.

Doch er flog nicht weiter. Er hielt den Teppich an Ort und Stelle, und schien zu warten. Sie fragte sich, worauf. Warum flog er nicht einfach davon, warum erhob er sich nicht in den nächtlichen Himmel, zu den Sternen, nur weit, weit weg von den Niederungen des Lebens? Sie hoffte darauf, ihn fliegen zu sehen, den Magier, der aussah wie ein Bauer, um einen Moment von der Freiheit zu träumen, der Freiheit, die sie in so vielen Ländern und an so vielen Orten gesucht und doch nie gefunden hatte.

Plötzlich spürte sie, wie sein Blick sie traf. Wie kleine Pfeile, abgeschickt vom treffsicheren Blasrohr eines Jägers, bohrten sie sich in ihr Herz, in ihre Seele. Sie war getroffen, und doch fand sie die Kraft, diesen Blick zu erwidern.

Und sie fiel, stürtze in abgrundtiefe, dunkelgraue Augen.

Er streckte eine Hand aus, und ohne zu wissen, was sie tat, oder wie ihr geschah, schritt sie auf den fliegenden Teppich zu. Sie nahm die dargebotene Hand - und in dem Moment, als sich ihre Hände berührten, meinte sie auf den Grund seiner Seele zu blicken.

Eis. Schnee. Ewige Kälte. Zu schroffen und zackigen Gebilden gefrorene Erinnerung, Enttäuschung, Schmerz. Eine unendlich schöne, filigrane, und doch abweisende Skulptur, voll von Trauer und leidvollen Gedanken. Keine Wärme, keine Liebe, nur diese kalten, erstarrten Gefühle meinte sie zu sehen.

Er zog sie zu sich empor. Sie ließ es geschehen, und sie setzte sich neben ihn auf den fliegenden Teppich. Ein warmes Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit machte sich in ihrem Herzen breit, als sie sich an seiner Seite niederließ.

Noch einmal sprach er die geheimen Worte in die Nacht, und der Teppich erhob sich in die Lüfte. Majestätisch trug er sie davon, hin in die sternenübersähte Unendlichkeit.

Er lächelte, und das Eis in seiner Seele begann zu schmelzen.

© by Doris Gutsmiedl, 2005


Tanz mit dem Tod

Grelle Lichter zucken rythmisch im Takt der Musik, malen für Sekundenbruchteile bizzare Muster in die künstliche, düstere, rauchgeschwängerte Nacht. Hart hämmern Bässe und Trommeln aus den überdimensionierten, allegegenwärtigen Boxen, machen das Denken langsam, das Atmen schwer, zwingen die Glieder, ihrem Rythmus zu folgen.

Menschenmassen lassen sich willig leiten. Ein neuer Song, ein neuer Beat, und schon bewegen sich aberzählige Tanzende in einem neuen Rythmus. Mal schneller, mal langsamer, dann wieder schneller, immer schneller…

Es ist Nacht. Nacht in der Stadt. Eine jener Nächte, in denen die, die das Vergessen suchen, es finden können. Hier, im Tempel der modernen Götter, im tranceartigen Tanz nach harter, schriller, lauter, elektronischer Musik.

Die Götzendiener der Moderne bewegen sich schlangengleich durch die Suchenden. Manche bieten ihnen Flüssiges, bisweilen Hochprozentiges zur Stärkung dar, manche jedoch auch unscheinbares, kleines, Erquickung für den Körper, den Geist, so sagen sie zumindest, Mittelchen, die die Suchenden noch suchender, die Tanzenden noch tanzender, die Unruhigen noch unruhiger machen.

Mitten in diesen aberzähligen Suchenden, Tanzenden, in der Bewegung zur Musik Vergessen findenden war sie nur ein winziger Stern. Jung, schön, unsagbar schön, und doch allein, einsam, verlassen. Suchend, suchend nach dem großen Glück, hoffend auf das kleine Glück, wartend auf einen Moment, einen winzigen kostbaren Moment, in dem jemand das Eis in ihrem Inneren überwand, in dem jemand ihr Herz berührte. Doch das Leben schien sie um ihre Hoffnungen zu betrügen, sie kannte nur Schmerz, Tränen, Haß und Zorn, Nähe, Wärme, Liebe waren ihr fremd geblieben. Und so suchte sie das Nichtdenken, das Nichtfühlen, das Vergessen im Rythmus der Musik, im hämmernden, schlagenden, schmerzenden Beat der modernen Tempelgesänge, in den Hallen der modernen Götter.

Wieder kam einer der Götzendiener an ihr vorbei, wieder steckte sie ihm ein paar Münzen zu, wieder bekam sie eine jener kleinen Pillen, die den Körper stark und wach, den Geist still und das Herz unverwundbar machten. Weiter, nur immer weiter sollte der Tanz gehen, weiter, immer weiter wollte sie in das Nichtdenken, das Nichtfühlen, das süße Vergessen hinabtauchen, nur weg, fort aus dieser Welt, dieser Welt, die für sie nichts mehr bereitzuhalten schien.

Mitten in der Menge ein Gesicht. Der Abend, die Nacht hatte ihre Sinne getrübt, sie war kaum in der Lage, ihre Augen auf dieses Antlitz zu richten, das immer wieder in ihrem Umfeld auftauchte. Doch auf irgendeine magische Weise zog es den letzten Rest an Aufmerksamkeit, den sie aufzubringen im Stande war, auf sich, immer und immer wieder.

Sein Blick traf sie in ihrem Innern. Sie wußte, sie mußte zu ihm kommen, koste es, was es wolle. Sie durfte diesen Blick, dieses Gesicht, diese Verheißung auf ein wenig flüchtige und doch intensive Begegnung, auf ein wenig Nähe nicht so einfach vergehen, verschwinden lassen. Fast von selbst setzte sich ihr Körper in Bewegung, kaum kontrolliert von einem vernebelten Geist.

Noch eine, sie braucht noch eine, denkt sie sich, und versucht noch einmal, dem Götzendiener ein paar Münzen zuzustecken, um noch eine der stärkenden kleinen Wunderkugeln zu bekommen. Sie würde sie stark machen, sie würde ihr die Kraft geben, die wenigen Meter zu ihm zurückzulegen. Sein Gesicht stand immer noch in der Menge, und schien sich nicht zu bewegen. Überirdisch schien sein Blick zu leuchten, und sie immer mehr zu sich zu rufen.

Nähe. Nie gekannte Nähe. Schon neben ihm zu stehen, vor ihm zu tanzen machte ihr das Atmen schwer. Ihr Herz schien vor Sehnsucht, vor nie gekannter Sehnsucht zu verbrennen. Nie empfundene, nie zu erträumen gewagte Gefühle stiegen in ihrem Inneren hoch, betäubten den Geist, schalteten das Denken vollends aus. Mit ihren Blicken flehte sie ihn an, jenen letzten Schritt zu tun, den zu gehen sie nie gewagt hätte.

Nur Augenblicke später fand sie sich in seiner Umarmung wieder. Ein warmes Gefühl, ein Feuer, Nähe, unsagbare Nähe und Geborgenheit löschten ihre Ängste aus, machten ihr Herz leicht und frei.

Die Rythmen der Nacht tobten immer noch um sie, grelle Lichter durchzuckten in unregelmäßigen Abständen das künstliche Dunkel, in dem sie sich bewegten. Doch ihre Herzen schlugen nun in einem anderen Takt, ihr gemeinsamer Tanz folgte einer anderen, einer überirdischen Musik.

Sie schienen zu schweben, der Welt zu entfliehen. Sie nahm nichts mehr wahr, sie war entrückt, sie fühlte nur noch dieses alles verzehrende Feuer, diese unsagbar nahe Nähe, die nun endlich, endlich ihr Innerstes erwärmte und ihr Herz berührte.

Für immer.

„Trauriges Ende einer Samstagnacht“ titelten die Zeitungen am nächsten Morgen. „Siebzehnjährgie stirbt an einer Überdosis Drogen.“

© by Doris Gutsmiedl 2006

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Über mich

Forschende - Lehrende - Archäologin | Prähistorikerin - Hochschuldidaktikerin