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Der fliegende Teppich

Ruhig und majestätisch glitt der fliegende Teppich dahin. Ein leises Rauschen begleitete seine Fahrt durch die nächtliche Landschaft.

Ihr Blick wanderte zu dem Magier, der den golddurchwirkten Teppich lenkte. Eigentlich sah er gar nicht aus wie ein Magier, mit seinen aschblonden, wirren Haaren und seinen kräftigen, schwieligen Händen. Überhaupt, seine Hände. Das waren eher die Pranken eines Bauern, eines Waldarbeiters, denn die Hände eines Schriftgelehrten.

Es war erst wenige Stunden her, daß sie ihn getroffen hatte. Ihre Reise hatte sie auf den großen Makt geführt. Tausend Düfte strömten durch die schmalen Gassen des Suqs, und ihre Augen konnten sich nicht sattsehen an all dem Gold und Silber, den feinen Stoffen und den exotischen Gewürzen, die sich in den kleinen Ständen tummelten und den Vorüberschlendernden zuzurufen schienen „kauf mich!“. So hatten sie ihre Schritte immer tiefer in den Markt hineingeführt, bis sie schließlich vor dem kleinen, unscheinbaren Geschäft des Teppichhändlers stand.

Dort hatte sie ihn getroffen. Er stand einfach da, vor den Auslagen des Teppichhändlers, und betrachtete die bunt gemusterten, handgewebten Teppiche aus respektvoller Entfernung. Seine Kleidung, seine Figur, überhaupt sein ganzes Auftreten, ließen die Vorübereilenden auf das einfältige Gemüt eines Bauern schließen, den seine Geschäfte in die große Stadt und auf den Martk geführt hatten, der aber weder Verständnis für das Schöne zu haben schien, noch genügend Taler, um sich einen kleinen Teil an dem dargebotenen Luxus zu sichern.

Sie wußte nicht mehr, was sie an diesem Mann so faszinierte. Sie wußte auch nicht mehr, warum die stehenblieb und seinem Blick in die Auslagen des Teppichhändlers folgte. Sein Blick hing auf einem besonders schönen Exemplar. Geknüpft aus roter Seide, durchwirkt mit feinen Goldfäden, die fremde Zeichen und magische Symbole zu bilden schienen.

Endlich, nach einer kleinen Ewigkeit, wurde der Teppichhändler auf das ungleiche Paar aufmerksam. Er machte Anstalten, sich zu nähern, und den Bauern zu verscheuchen, als dieser mit schnellen Schritten auf den Händler zuging, ihm eine Hand auf die Schulter legte und leise auf ihn einsprach. Der Händler war verblüfft, hätte er doch in dem unscheinbaren Mann niemals einen Kunden gesehen. Ein Beutel voll Taler wanderte von einer Hand in eine andere, und der magische Teppich hatte einen neuen Besitzer.

Jetzt, da der Magier seinen Besitz aus dem Gros der Teppiche herausholte und ihn sorgfältig zusammenrollte, konnte sie einen kurzen Blick auf die vielen Muster und Zeichen, die sich über den scharlachroten Teppich verteilten, erhaschen.
Eine seltsame Anziehung ging von diesem Stück aus, eine Anziehung, der sie sich nicht zu entziehen vermochte. Wie von unsichtbaren Fäden gezogen, folgte die dem Magier und seinem Teppich in respektvollem Abstand.

Sein Weg führte ihn aus den engen Gassen des Marktes hinaus in auf freies Feld. Unter einem sternenübersähten Himmel wanderte er über Felder und durch Palmenhaine, über sandige Dünen und steiniges Geröll hin zu einer Ruine, deren dunkle Mauern sich kalt und furchterregend über die sanft gewölbte Landschaft erhoben.
Dort, in den alten Mauern, hielt er inne, und breitete seinen Teppich aus. Er setzte sich erfurchtsvoll darauf, und begann, leise Worte an seine Umgebung zu richten.

Nicht lange, und der Teppich erwachte. Sie traute ihren Augen nicht, als der Teppich begann, eine Handbreit über dem Boden zu schweben, als hätte er niemals etwas anderes getan. Ein feines Sirren lag in der Luft, schwoll zu einem Rauschen an, um dann wieder zu einen hohen, glockenhellen Ton abzuklingen. Der Teppich stand nun kniehoch in der Luft, bereit, den Befehlen des Magiers zu gehorchen.

Doch er flog nicht weiter. Er hielt den Teppich an Ort und Stelle, und schien zu warten. Sie fragte sich, worauf. Warum flog er nicht einfach davon, warum erhob er sich nicht in den nächtlichen Himmel, zu den Sternen, nur weit, weit weg von den Niederungen des Lebens? Sie hoffte darauf, ihn fliegen zu sehen, den Magier, der aussah wie ein Bauer, um einen Moment von der Freiheit zu träumen, der Freiheit, die sie in so vielen Ländern und an so vielen Orten gesucht und doch nie gefunden hatte.

Plötzlich spürte sie, wie sein Blick sie traf. Wie kleine Pfeile, abgeschickt vom treffsicheren Blasrohr eines Jägers, bohrten sie sich in ihr Herz, in ihre Seele. Sie war getroffen, und doch fand sie die Kraft, diesen Blick zu erwidern.

Und sie fiel, stürtze in abgrundtiefe, dunkelgraue Augen.

Er streckte eine Hand aus, und ohne zu wissen, was sie tat, oder wie ihr geschah, schritt sie auf den fliegenden Teppich zu. Sie nahm die dargebotene Hand - und in dem Moment, als sich ihre Hände berührten, meinte sie auf den Grund seiner Seele zu blicken.

Eis. Schnee. Ewige Kälte. Zu schroffen und zackigen Gebilden gefrorene Erinnerung, Enttäuschung, Schmerz. Eine unendlich schöne, filigrane, und doch abweisende Skulptur, voll von Trauer und leidvollen Gedanken.
Keine Wärme, keine Liebe, nur diese kalten, erstarrten Gefühle meinte sie zu sehen.

Er zog sie zu sich empor. Sie ließ es geschehen, und sie setzte sich neben ihn auf den fliegenden Teppich. Ein warmes Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit machte sich in ihrem Herzen breit, als sie sich an seiner Seite niederließ.

Noch einmal sprach er die geheimen Worte in die Nacht, und der Teppich erhob sich in die Lüfte. Majestätisch trug er sie davon, hin in die sternenübersähte Unendlichkeit.

Er lächelte, und das Eis in seiner Seele begann zu schmelzen.


 

(c) by Doris Gutsmiedl, 2005