Startseite  - Kontakt  - Impressum
 
 
 
Startseite
 

Der Bauer und der Nußbaum

„Heute werde ich unseren Nußbaum fällen.“ sagte der Bauer zu seiner Frau. „Aus seinem Stamm kann man viele schöne Bretter machen, und die kann ich dann für teueres Geld verkaufen. Nußbaumholz ist knapp in dieser Zeit.“

Die Frau nickte nur. Sie sprach nicht viel. Der Bauer ging in die Scheune und begann dort, die Schneide seiner Axt zu schärfen.

Der Nußbaum stand in der Mitte des Hofes und hatte alles gehört. Er hatte Angst. Er zitterte so sehr, daß seine fast reifen Nüsse leise aneinanderklapperten und sich fast wie fernes Hufgetrappel anhörten.

Auch das Nest der Meise, die sich in dem großen, stattlichen Baum niedergelassen hatte, erbebte.

„Pieps!“ schimpfte der Vogel. „Hör’ auf zu zittern. Du machst mein schönes Nest kaputt!“

„Hilf’ mir, kleine Meise,“ bat sie der Nußbaum, „Hilf’ mir. Ich will nicht sterben.“

„Du mußt den Bauern überzeugen,“ meinte die Meise. „Dann läßt er dich bestimmt stehen.“

Der Baum schöpfte wieder neuen Mut. Wenn es ihm gelang, den Bauern zu überzeugen, würde er weiterleben. Er mußte ihn einfach überzeugen!

Da trat der Bauer aus der Scheune und ging auf den Baum zu.

„Ich werde dich jetzt fällen.“ sagte er und hob die Axt.

„Fäll’ mich nicht! Wer spendet Dir und Deinem Haus dann Schatten, wenn im Sommer die Sonne vom Himmel brennt?“ erwiderte der Baum.

„Ich kann einen Sonnenschirm aufstellen.“ meinte der Bauer.

„Fäll’ mich nicht! Wer gibt Dir dann die vielen guten Nüsse, die Deine Kinder und Deine Frau zur Weihnachtszeit so gerne essen?“ erwiderte der Baum.

„Nüsse kann man kaufen.“ meinte der Bauer.

„Wenn Du mich fällst, kann ich im Frühjahr nicht mehr blühen und eine Zierde für Deinen Hof sein.“ erwiderte der Baum.

„Ich kann Blumen pflanzen.“ meinte der Bauer.

„Wenn Du mich fällst, können keine Vögel mehr auf Deinem Hof nisten.“ erwiderte der Baum.

„Ich werde Nistkästen aufstellen.“ meinte der Bauer.

„Wenn Du mich fällst, bist Du nicht mehr der größte Bauer am Ort.“ sagte der Baum.

„Warum?“ fragte der Bauer.

Wenn Du mich fällst, hast Du zwar noch die meisten Kühe, Ziegen und Schafe, die schnellsten Pferde, die dicksten Schweine, die rosigsten Ferkel, den größten Obstgarten, die schönsten Felder, die saftigsten Weiden und den dunkelsten Wald, aber wenn ich erst gefällt bin, gibt es Bauern mit schöneren Nußbäumen auf dem Hof, und dann bist Du nicht mehr der Größte Bauer am Ort.“

Da ließ der Bauer die Axt sinken.

„Du hast recht.“ sagte er zu dem Baum. „Ich lasse dich stehen.“

Damit drehte sich der Bauer um und verschwand im Haus.

Der Nußbaum atmete auf.

 

(c) by Doris Gutsmiedl, 1999