Startseite  - Kontakt  - Impressum
 
 
 
Startseite
 

Prämierte Kurzgeschichte

Die Kurzgeschichte "Aus den Briefen eines Marsmännchens" erreichte in einem Autorenwettbewerb des Bundesverkehrsministeriums im Jahre 1996 den ersten Platz.

Aus den Briefen eines Marsmännchens

Sei mir gegrüßt, liebste Eteija!

Heute ist es auf den Tag ein Jahr her, daß ich mit meinem defekten Flugo auf der Erde notlanden mußte. Wie ich Dir in meinem letzten Brief bereits mitteilte, spreche ich nun schon seit einiger Zeit perfekt die irdische Sprache.

Vor einigen Tagen wagte ich mich nun aus meinem bisherigen Versteck hervor und ging zu einer großen Gebäudeansammlung, von den Erdlingen "Stadt" genannt. Dort gab ich mit mühe, möglichst irdisch zu erscheinen, und schritt in flottem Tempo, den Blick stur geradeaus gerichtet, durch das Menschengewühl. Sollte Dich mein Verhalten wundern, liebste Eteija, so muß ich Dir sagen: Hier machen das alle so. Nach einiger Zeit kam ich an eine Fahrbahn. Dort stand eine metallene Laterne, auf der entweder ein rotes, stehendes, oder ein grünes, laufendes Männchen leuchtet. Eigentlich ist es nur dann, wenn das grüne Männchen aufleuchtet, gestattet, die Fahrbahn, die übrigens "Straße" heißt, zu überqueren, aber die meisten Erdlinge gehen auch dann weiter, wenn das rote Männchen aufleuchtet. Ich weiß nicht, warum, aber sie lassen sich wohl gerne überfahren.

Einen ähnlichen selbstzerstörerischen Drang konnte ich bei anderer Gelegenheit beobachten. Dazu, liebe Eteija, mußt Du aber folgendes wissen: Die Erdlinge bewegen sich mit vierrädrigen Karren, den "Autos", auf der Straße fort. In diesen Karren gibt es meistens vier Sitze. Die Insassen des Autos fesseln sich mit breiten Bändern an diese Sitze, um bei Unfällen vor Verletzungen geschützt zu sein. Wenn sie mit ihren Karren dann auf der Straße fahren, nehmen die wenigsten Rücksicht auf andere. Weißt du, Eteija, das sind hier diejenigen, denen bei uns sofort der Flugoschein wegen unhöflichen Verhaltens entzogen wird. Nun, ich fuhr also mit einem "Taxi", das ist ein Auto mit Lenkmensch, der andere Personen gegen Bezahlung durch die Gegend fährt, und spürte diese Rücksichtslosigkeit nun am eigenen Leib. Bei jedem Überholmanöver beschleunigte mein Lenkmensch derart, daß ich glaubte, wir würden gleich abheben und fliegen, und oft mußte ein entgegenkommendes Auto stark abbremsen, um nicht mit und frontal zusammenzustoßen. Furchtbar, nicht?

Doch das ist noch nicht alles. Wir fuhren dann noch an einer Unfallstelle vorbei. Ein anderer Wagen war zu schnell gefahren und war in einer vereisten Kurve ins Schleudern geraten, sagte zumindest mein Lenkmensch. Ich glaube, das ist, als ob man mit einem Flugo in ein Luftloch fällt und es nicht mehr steuern kann. Ich wollte anhalten und helfen, aber das Taxi fuhr weiter. Es gibt genug Dumme, die dem Unfallauto helfen, sagte mein Lenkmensch. Tja, liebste Eteija, hier scheinen alle nur an sich zu denken. Traurig, findest du nicht auch?

Im "Straßenverkehr", so nennt man hier viele fahrende Autos, gelten zwar bestimmte Regeln, aber meistens wird der ausgelacht, der alle Regeln befolgt. Besonders extrem ist das bei den Geschwindigkeitsbegrenzungen. Wenn irgendwo auf einem Schild steht, es ist erlaubt, "80" zu fahren, fahren die meisten "100" oder mehr. Die Erdlinge, die diese Schilder erbst nehmen, werden oft beschimpft und verspottet, obwohl sie größere Chancen haben, gesund an ihr Ziel zu gelangen.

Nun, liebste Eteija, ich muß mich für heute von Dir verabschieden. Ich hoffe inständig, daß ich bald die passenden Ersatzteile für mein Flugo bekomme. Ich weiß nicht, zum wievielten Male ich Dir das nun verspreche, liebe Eteija, aber sobald es irgendwie möglich ist, komme ich wieder auf unseren schönen Mars zurück.

In der Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen

Dein Eritreijo

 

(c) by Doris Gutsmiedl, 1996